SKILLS FACTORY 2.0

SKILLS FACTORY, Samos – humanitäre Nothilfe kombiniert mit langfristigem Ansatz

Im geschlossenen Flüchtlingslager (CCAC) auf der griechischen Insel Samos leben Tausende geflüchtete Menschen unter verheerenden Bedingungen – es fehlt an Wasser, Nahrung, medizinischer Versorgung, Sicherheit und sozialer Anbindung. Viele von ihnen sind über Monate oder sogar Jahre hinweg von sinnstiftender Beschäftigung und aktiver Teilhabe ausgeschlossen.

In der SKILLS FACTORY stellen wir humanitäre Hilfe selbst her:
von Hand. lokal. nachhaltig. unabhängig. ehrlich.

Hier setzt die SKILLS FACTORY an: Die SKILLS FACTORY verbindet akute humanitäre Hilfe mit einem nachhaltigen, langfristigen Ansatz. Sie stärkt Selbstwirksamkeit, Würde und Zukunftsperspektiven – auf Samos und darüber hinaus.

Unsere Workshops

In sechs praxisnahen Werkstätten – darunter Schneiderei, Küche, Wartung, Medien, Friseur und Wäscherei – arbeiten Geflüchtete gemeinsam mit lokalen und internationalen Fachkräften an der Herstellung dringend benötigter Produkte und Dienstleistungen, die das tägliche Leben unmittelbar verbessern.

Gleichzeitig absolvieren die Teilnehmenden ein strukturiertes, dreistufiges Ausbildungsprogramm, das praktische, soziale und führungsbezogene Kompetenzen fördert. So durchbrechen wir den Kreislauf der Abhängigkeit.

Textilwerkstatt​

SKILLS-Küche

Media Department

Barber-Workshop

Maintenance

WASH-Project

SKILLS-Connect

Unser Impact

Vorhandene Lücken im Helfersystem werden von der Community selbst gedeckt.

Positiver Einfluss auf die Lebensbedingungen und die Versorgungslage von geflüchteten Menschen im Lager sowie hilfsbedürftigen Einheimischen gleichermassen.

Verbesserte psychische Gesundheit durch Tagesstruktur, Aufgabe und Verantwortung

Selbstermächtigung und Stärkung der Identität durch Wahrnehmen und Wertschätzen der beruflichen Vergangenheit und Expertise.

Verbesserte Chancen auf Arbeitsmarktintegration in Griechenland oder der EU.

Das Interesse am Handwerk baut Brücken zwischen Menschen und Kulturen.

Nutzung lokaler Produkte fördert die lokale Landwirtschaft.

Verminderung der Importe und Abfallvolumen.

Ausgangslage

Die Situation auf Samos

Die griechische Insel Samos steht seit Jahren im Zentrum einer schwerwiegenden humanitären Krise, die durch die Flüchtlingsbewegungen aus Asien, Afrika und dem Nahen Osten verschärft wurde. Im Jahr 2024 hat sich die Insel als  Hauptankunftspunkt für geflüchtete Menschen in Griechenland etabliert, was zu einer extremen Verschärfung der Lebensbedingungen im Flüchtlingslager geführt hat. Trotz grossspuriger Zusicherungen der griechischen Regierung, dass das „Closed Controlled Access Center“ (CCAC) die Bedingungen für die geflüchteten Menschen verbessern würde, bleibt das Lager weitgehend unvollständig und in seiner Funktionalität stark eingeschränkt. Die Bewohner:innen sind extrem isoliert und leben unter unerträglichen Bedingungen, die gesundheitliche und psychische Belastungen zur Folge haben (MSF in ANSA, 2021).

Die dramatische Verschärfung der Krise ab Herbst 2023

Im Herbst 2023 erlebte Samos einen drastischen Anstieg der Ankünfte von geflüchteten Menschen, die Zuflucht suchen: Die Zahl im Camp stieg von 656 auf 4.504 Bewohner:innen innerhalb weniger Wochen, was einem Anstieg von über 650% entspricht. Trotz dieses plötzlichen Ansturms wurde keine adäquate Unterstützung bereitgestellt. Die Menschen sind gezwungen, unter katastrophalen Bedingungen in unvollständigen Unterkünften zu leben, ohne Zugang zu ausreichender Nahrung oder hygienischen Einrichtungen. Berichte von Wasserknappheit, verdorbener Nahrung und gesundheitlichen Ausbrüchen, wie Krätze und Flöhen, sind keine Seltenheit.

Viele der Geflüchteten sind gezwungen, Monate oder sogar Jahre unter diesen unhaltbaren Bedingungen zu verbringen, bis eine Entscheidung über ihren Asylantrag getroffen wird. Dies führt zu einer weit verbreiteten Hoffnungslosigkeit und schweren psychischen Belastungen (Amnesty International, 2024).

Das „Closed Controlled Access Center“ (CCAC): Ein Symbol für gescheiterte Lösungen

Im September 2021 wurde das neue Flüchtlingslager auf Samos eröffnet, ein EU-finanziertes Projekt, das eine Verbesserung der Lebensbedingungen für Geflüchtete versprechen sollte. Doch in der Realität ähnelt das Lager eher einem Hochsicherheitsgefängnis: Abseits der Städte, isoliert zwischen Hügeln, mit hohen Zäunen und streng kontrollierten Eingängen, ist es für die Geflüchteten ein Ort der Isolation und des Wartens. 

Das Lager ist unvollständig, mit mangelhaften hygienischen Einrichtungen und unzureichender Versorgung. Neu errichtete Küchen sind oft nicht funktionstüchtig, und das Essen reicht nicht aus. Viele Geflüchtete verbringen bis zu zwei Jahre unter diesen Bedingungen, ohne dass eine Lösung in Sicht ist.

Bestehende Hilfsangebote und die Lücken

Mit der Eröffnung des neuen Flüchtlingslagers, weit abseits des Städtchen Vathy haben viele der ehemals aktiven NGOs die Insel verlassen.

Diejenigen, die geblieben sind, übernehmen noch immer essenzielle Aufgaben, von der Gesundheitsversorgung über die informelle Schulbildung für alle Altersgruppen, Kleidungs- und Essensausgabe für besonders vulnerable Gruppen, bis zu juristischer Beratung und psychosozialer Unterstützung.

Doch die meisten der Organisationen operieren im oder am neuen Camp, ohne eine Alternative zur Isolation zu bieten. Die wenigsten der Angebote richten sich an die Männer im Camp, welche in der Regel 75% aller Geflüchteten ausmachen.   

«Alles auf dieser Insel ist für Kinder und Frauen
– ausser die Kondome»

Feedback von einem männlichen Bewohner.

Bei den wenigen bestehenden Angeboten finden sie sich jeweils in der Rolle der «Nehmenden» wieder, es fehlt jedoch die Möglichkeit aktiv zu werden und selbst etwas an der Situation zu ändern.

Männer – die übersehene vulnerable Gruppe

Alleinreisende Männer werden in Europa oftmals als bedrohlich wahrgenommen. Dementsprechend werden sie von der Gemeinschaft und den Behörden auch behandelt. Dabei geht oftmals die Tatsache vergessen, dass das Fehlen des Unterstützungssystems Familie in diesen schwierigen, oftmals traumatisierenden Lebensumständen sie besonderen Gefahren aussetzt. Zudem stehen viele unter dem zusätzlichen Erwartungsdruck in Europa erfolgreich zu sein und die Familie aus der Ferne zu unterstützen. Ohne diesen Halt weisen Alleinreisende Männer ein erhöhtes Risiko auf, psychische Erkrankungen zu entwickeln, Aggressionen auszuüben (gegen sich selbst oder gegen andere) oder Suchtmittel zu konsumieren (Europe Must Act, 2020, S. 44).

Aber auch diejenigen Männer, die mit ihrer Familie geflüchtet sind, leiden unter dem Verlust der traditionellen Rolle und Identität als Beschützer und Ernährer. Beides können sie in diesem Umfeld nicht erfüllen. Stattdessen werden sie gezwungen, stundenlang anzustehen, um Hilfeleistungen entgegenzunehmen. Diese Rollenverschiebung (vom Geber zum Nehmer) kann zu gravierenden Identitätskrisen führen, ausgelöst durch das Gefühl die Erwartungen als Familienoberhaupt nicht erfüllen zu können, wie es Turner in seinem Report «UNHCR is a better husband» eindrücklich beschreibt.

Einfluss auf die lokale Bevölkerung von Samos

Samos leidet seit Jahren unter den wirtschaftlichen Folgen von Überalterung, Abwanderung und hat sich noch immer nicht vollständig von der Covid-19 Pandemie erholt: 

Die junge Bevölkerung der Insel zieht immer mehr ab, was zu einer alternden Gesellschaft führt. Gleichzeitig steht die Landwirtschaft, traditionell ein wichtiger Wirtschaftszweig, unter Druck. Billigprodukte aus dem Ausland und die Abwanderung der jüngeren Generationen gefährden die Existenz vieler landwirtschaftlicher Betriebe. Die Insel hat sich daher zunehmend auf den Tourismus als Haupteinnahmequelle verlassen. Doch die COVID-19-Pandemie haben den Tourismussektor schwer getroffen. Viele lokale Unternehmen mussten ihre Türen schliessen, und der Sektor erholt sich erst jetzt langsam. 

Besonders spürbar war der wirtschaftliche Rückschlag nach der Pandemie, als Samos, wie viele andere Inseln, mit einem dramatischen Rückgang der Touristenzahlen konfrontiert war (Euro.News, 2019)

Jährliche Traubenernte, Weinkooperative Samos (Herbst 2020)

Import von Hilfsgütern

Ein Grossteil der Hilfsgüter wird auf dem Festland oder sogar im Ausland hergestellt und tonnenweise importiert. Es landen Container voller abgepacktem und tiefgefrorenem Essen, Kleiderspenden, Hygieneartikel, Früchte und Gemüse, Babynahrung in Plastikbeuteln, Plastikflaschen und Billigsnacks aus Discountern im Lager und die Hilfsgelder fliessen zurück ins Ausland.

Die lokale Bevölkerung ist kaum an der Produktion beteiligt, Restaurants stehen insbesondere aufgrund der aktuellen Corona Krise leer. Für einige Bauern lohnt es sich nicht einmal mehr die Orangen zu ernten, ihre Produkte können mit den Preisen von Billigdiscountern wie Lidl nicht mithalten.

Eine weitere Belastung für die Insel entsteht durch die Verpackungen der Hilfsmaterialien und dem daraus resultierenden Abfall. Allein im Camp werden jeden Tag Mahlzeiten sowie mehrere Wasserflaschen für die 3’500 Personen ausgeteilt, alles verpackt in Plastik oder Aluschalen (Mayer, 2020).

Globale Perspektiven und langfristige Lösungen

Angesichts des Zusammenhangs zwischen dem Klimawandel und der Flüchtlingskrise fordert die NGO selfm.aid einen ganzheitlichen Ansatz, der über kurzfristige Hilfsmassnahmen hinausgeht.

Nur durch nachhaltige, lokale Lösungen, die auf die vorhandenen Ressourcen und die Stärkung lokaler Gemeinschaften setzen, können wir langfristige Erfolge erzielen.

Die SKILLS FACTORY verfolgt genau dieses Ziel: Sie möchte lokale Netzwerke stärken und innovative Konzepte entwickeln, die sowohl die Herausforderungen der humanitären Krise als auch die Belastungen der Inselbewohner berücksichtigen. 

"Denn nur starke, lokale Gemeinschaften, werden in der Lage sein,
die globalen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu meistern."

Und genau da setzt die «SKILLS FACTORY» an.